momente

aus einer sauflaune heraus?
ja vielleicht.
du machst es dir ja ziemlich einfach, benutzt nichtmal interpunktion...
interwas?
ach leck mich doch am arsch
lieber nicht.

zugegeben. das gespräch mit seinem verleger lief nicht gerade zugunsten von tom. er hatte die zettel von letzter nacht, ungelesen, einfach auf den schreibtisch von herrn kramer geworfen.

junge. so wird das nichts.
was denn?
na, dein schreiben. so ein mist verkauft sich nicht.
woher wollen sie das wissen. vielleicht stehen die leute auch auf sowas.
auf was? beschriebenes klopapier?
ja.
ach leck mich doch tom, mach daß du rauskommst. und bring mir verdammtnochmal anständige ware. etwas, das man auch verkaufen kann. oder du bist draußen. hörst du, du bist draußen.

tom war schon im flur an der sekretärin money vorbei. nicht ohne ihr einen liebevollen blick zuzuwerfen. sie war ein schatz. aber auch ein erfolgsluder, irgendwie...

tom war draußen. im cafe bestellte er ein bier. sie hatten keins verdammt. na dann einen kaffee, mit nem schuß alkohol bitte, hamsiedas? die bedienung trippelte weg,
ja, mal sehen...
er bekam einen kaffe mit rum. in ordnung. tom holte die manuskripte raus. astreine ware. was hatte der kramer zum teufel. astreine ware. vielleicht war er noch nicht reif für dieses jahrhundert, dachte tom. vielleicht würde seine kunst erst im jahre 2135 gewürdigt werden. aber was nützte ihm das jetzt?


tom hatte die decke auf seine couch geworfen und kuschelte sich jetzt schon drei stunden schlafend darin. das telefon klingelte. ich will nicht rangehen. ich geh nicht ran. es hörte auf. der anrufer blieb hartnäckig, jetzt versuchte er es über das handy. also gut. tom schälte sich aus der decke und griff nach dem handy. ja? kramer hier. ich denke, ich bin draußen. ach junge, mensch, warum schreibst du nicht nochmal was? wie früher. weißt du noch, mit was für grandiosen geschichten du früher zu mir gekommen bist. kramer benutzte wirklich das wort grandios. grandios! was ist denn los tom, hab ich dich etwa geweckt. - herrgott, hab ich dich um 5 uhr nachmittags geweckt? was ist nur aus dir geworden. du verfluchter taugenichts. tom erwischte halb blind den ausknopf des handys. verdammter sklaventreiber kramer. ich bin draußen, hat er selbst gesagt. is doch nicht mein problem, wenn der idiot einen 10jahresvertrag mit mir abschließt. volldiot, dachte tom. verliebt sich in meine scheiße und wundert sich dann, wenns sich nicht verkauft. vollidiot!


wo ich schonmal wach bin, kann ich auch gleich aufs klo gehen. ne runde kotzen oder so. beim aufstehen trat er auf den grünen bukowskiband: dtv. die verlegen jeden scheiß, hauptsache es macht sich bezahlt. wieso machte sich bukowski eigentlich bezahtl? tom hatte jetzt zwei möglichkeiten: entweder er zermarterte sich weiter das gehirn, wie es bukowski geschafft hatte, sich bezahtlt zu machen oder er machte sich ne kanne kaffe. er entschied für letzteres. sieben uhr abends. und noch nichts getan mit diesem tag. würde er eines tages vor petrus stehen und ihm erklären müssen, warum er immer bis nachmittags geschlafen hatte. ach gott, dann lieber in die hölle. die jungs von der hölle hätten bestimmt nichts einzuwenden gegen einen jungen, der bis nachmittags schläft. der einzige sinn im frühaufstehen war, daß alle früh aufstehen. aber ist eine sache allein deshalb logisch, weil alle sie für selbstverständlich halten. ich denke nicht.


es ist harte arbeit, das schreiben. genausohart wie morgens auf den bau gehen. es ist etwas fertigzustellen. aber dann fehlt das material oder der kran macht schlapp oder sonstwas und man kommt nicht weiter. man macht also ein bier auf und wartet auf den polier oder die polente oder sonstwas. aber man is nicht nur der verschissene arbeiter, man is auch der meister und muß mit den kunden sprechen. man ist alle zusammen: hure, sklave und zuhälter seiner selbst. sogesehen war schreiben sogar noch schwerer als sonst irgendeine verschissene arbeit.


tom schaute in die tasse, ganz nah. sie dampfte ihm scharf ins gesicht, so daß ihm fast die kontaktlinsen beschlugen. er hing seinen träumen nach. alte, verstaubte träume: nach canada auswandern! träume waren deshalb so schön, weil sie nichts, aber auch garnichts mit der realität zu tun hatten. rockstar werden. ja, jim morrison oder curt cobain - das wärs gewesen. allerdings wäre tom jetzt mit seinen 28 jahren schon tot. all diese rocksaurier starben mit 27, 28. na und? dafür hatten sie mindestens 10 jahre lang fast ununterbrochen den pimmel irgendwo drin. tanzten von einen rausch in den nächsten und lebten so intensiv wie andere menschen nicht in hundert verschissenen jahren. und wieso überhaupt alt werden. live fast die young hatte er sich an die wohnungstür seiner ersten bude geheftet. und als tom 2004 mit seiner freundin zusammenzog, war es das einzige, was er zurückließ. für den nächsten studenten. als wahlspruch.

kramer konnte ihm wirklich am arsch. alle produzenten können einem am arsch. man vergleiche es mit einer rakete oder so. also, der künstler ist die rakete und der produzent bezeichnet sich als treibstoff für die rakete. in wirklichkeit pumpt er das ding aber mit scheiße voll, die so schwer und hart wie beton wird. welche rakete soll damit noch starten? scheiß-vergleich, dachte tom, kommt denn hier keine bedienung. egal, die haben ja eh kein bier hier. tom ging zur theke und bezahlte das kaffee-rum-gedöns und verließ das cafe.er steckte sich eine zigarette an. mist- bis 2008 kann man doch noch drinnen rauchen. warum hatte er ihnen nicht das verschissene cafe bis unter die decke vollgequalmt. stattdessen rauchte er erst hier draußen. zugegeben. an der luft schmeckten die glimmstengel besser. sowas wie er selbst war tom noch nie begegnet. seit der bruchladung mit seiner damaligen freundin hatte tom kein buch mehr in die hand genommen. doch, ein bißchen bukowski und chinesische philosophie. aber die zeiten, in denen er den medicus in 5 tagen durchhaute oder das parfum dreimal hintereinander las, waren wohl für immer vorbei. jetzt taugten diese lese-erfahrungen nur noch für stadt-land-fluß: schriftsteller mit h: hesse, heine, herder. mit den büchern fing es zuerst an. sogar die, die er einmal sehr gern gelesen hatte, sie ekelten ihn jetzt einfach. dann kam die große dvd-zeit. hunderte von filmen wurden gesichtet, aufgesogen mit ohren und augen. meisterwerke: breaking the waves, the doors, 1492 christoph columbus, amadeus, trainspotting, fear and loathing in las vegas, leaving las vegas, heat, jagd auf roter oktober- die liste war endlos. und auch diese blüten wurden welk, abgeschnitten, vertocknet.

was ist nur los mit mir, fragte sich tom. warum erfreuen mich nicht diese dinge, die mich einstmals so faszinierten, warum fehlt ihn auf einmal der glanz. wer hat sie entzaubert? die kippe war zuende, und tom überlegte, gleich eine neue anzustecken, ließ es aber. widerlich diese vielen menschen in der stadt. widerlich sind es die paar auf dem land wahrscheinlich auch. menschen sind generell widerlich. verdammt, mit meiner verschissenen antipathie gegenüber meinen gegenübern komm ich auch nicht weiter.

tom versuchte sich zu erinnern. wie war das damals im deutsch-lk oder an der uni: erzählte zeit und erzählzeit. innerer monolog und, wie hieß das- erlebte rede. oder war das das gleiche wie der innere monolog? nein, nicht ganz. für den schriftsteller wird das schreiben so sein wie für den pianisten das klavierspielen. er spielt ohne darüber nachzudenken, welche regeln, welche tonabstände er gerade in diesem oder jenem akkord benutzt, in welcher skala er sich gerad befindet. das alles wird nicht bewußt realisiert, es wird angewendet. unbewußt und absolut treffsicher für den virtuosen. einfacher: ein autofahrer macht sich auch nicht immer gedanken darum, in welchem gang er gerade fährt. er fährt im richtigen, so daß der motor nicht unter- oder hochtourig läuft. man kann das am abgas erkennen: weiß war untertourig, nicht? und schwarz- oder andersrum? ich komme vom hölzchen aufs fachwerkhaus, dachte tom. ich muß mich konzentrieren. auf das wesentliche. nur was ist das wesentliche? das wesentliche ist die liebe, nicht wahr? die liebe zu einem menschen, zu den menschen oder zu irgendwas, tiere, häuser, gemälde, flugzeuge. ich habe meine liebe verloren. die liebe zum schreiben. talent. talent erlaubt es einem menschen, etwas mit wenig oder gar keiner übung zu beherrschen. mein schreib-talent erlaubt es mir, faul zu sein. und ich war immer gerne faul. das gegenteil meiner eltern, die das beschäftigtsein lieben. ich liebe das faul-sein. trägheit, eine der sieben totsünden.


die nacht brach in den septemberabend und tom hatte eine entscheidung zu treffen. sollte er sich nach hause trollen und dort an seinem mißglückten roman weitertüfteln oder- sollte er sich an den bankautomaten zu seiner linken wenden, einen fuffi abheben und eine kleine sauftour starten. die wahl viel ihm nicht wirklich schwer. also, wo fangen wir an? am besten in der kneipe wo man arbeitet und die getränke zum halben preis bekommt. außerdem kannte tom dort immer jemanden. vielleicht lungerten dort auch andere freihabende mitarbeiter rum, mit denen man saufen, kickern, billiard spielen, pokern, meiern oder sonstwas tun konnte. tom machte sich auf den weg zur milchstraße, das studentenviertel der stadt. durch die eingangstüre des savoy zu gehen war jedesmal ein genuß. sofort schlug einem irgendeine verrückte musik entgegen, nicht selten die stones oder gunsnroses, oder meinetwegen auch nelly furtado, was er sich zuhause nicht anhörte, in diesen räumlichkeiten jedoch durchaus billigen konnte. dann schritt man, vorbei am dart und den ersten mickrigen tischen den langen holzflur entlang bis zur großen theke in der mitte des raumes. reiner arbeitete, korrekt. tom drückte seine geschlossene faust gegen die der thekenkraft. keine ahnung, woher dieses blödsinnige ritual ursprünglich stammte, aber es machte jedesmal aufs neue spaß, es zu zelebrieren. seit der wm, in der reiner und er mit schöner regelmäßigkeit im deutschland-t-shirt auf der arbeit untergegangen waren, begrüßte man sich mit schland. schland. es war der verkümmerte rest des wortes deutschland, das überall die menschen auf den straßen und in den fernsehern brüllten. vielleicht war der ein oder andere ja dabei, schland war jedenfalls die einzige silbe, die damals zu verstehen blieb unter all dem gejohle. eigentlich bestand toms konversation mit reiner fast ausschließlich aus zitaten und symbolen, die aus irgendwelchen filmen, situationen oder witzen stammten. ein insider nach dem nächsten. für aussenstehende unmöglich nachzuvollziehen. tom freute sich, daß er bei diesem jungen kerl hinterm tresen, seinen trinkabend starten konnte.

deine mutter, ich brech dir die beine.
eeeeeeyyyyy!!!
also gut, die tussi hatn glas abgekriegt. keiner verläßt den raum bis wir geklärt haben, wer das war.
hey, was bisn du für einer
jaaaaaaaaaahhh!
so gings heute abend wieder los und inge, die an ihrem kellnerplatz stand, wo sie auf ihre getränke wartete, guckte uns an wie ein auto.
gehts euch gut.
ja, meinte ich.
reiner beachtete inge gar nicht, sondern zeigte mir nur seine mittelfinger und sagte: wenn das nicht stimmt, dann kannst du mir beide finger brechen. dann zapfte er inges biere fertig und stellte sie ihr auf das kellnertablett. is schon ok. wir reden immer so.
aha, sie nahm das volle tablett und ging damit zu den gästen. erstmal weg von uns verrückten. ich zeigte reiner den rechten mittelfinger: machst du mir ein bier. dann zeigte ich ihm auch den linken: ah nee, mach zwei. dann deuteten wir beide gleichzeitig in die schrittgegend des andern und riefen gleichzeitig: undn kurzen! auch ein gag, der sich irgendwann mal auf der arbeit entwickelt hatte. reiner machte seine thekenarbeit weiter und ignorierte mich absichtlich komplett. dann stellte er plötzlich zwei bier und zwei jägermeister vor mich hin. nahm erst ein bier und wartete, daß ich mit ihm anstieß. dann ging es an die schnäpse. jedes glas mußn henkel haben und kunstvoll bewegten wir unsere finger nacheinander um das erhobene pintchen herum, ohne dabei etwas zu verschütten, bis wir am ende den daumen oben und den kleinen finger darunter platziert bekamen. so stießen wir an. prost und runter damit.


es ging an diesem freitagabend auf die elf uhr zu. das lokal füllte sich und reiners, inges und des übrigen personals arbeit wuchs. tom blieb ungestört mit seinem bier und dem whisky-cola, den er sich dazubestellt hatte, allein am tresen sitzen. er beobachte das treiben, ging auch mal rüber ins klimbim, die kleinere kneipe, die an die große angeschlossen war, um auch dort allen bekannten gesichtern guten-tag zu sagen. und mara war auch da, die kleine kellnerin, die erst einen monat hier arbeitete und in die er sich heimlich ein bißchen verguckt hatte. es wurde zunehmend voller und ungemütlicher, keiner außer ihm hatte frei und irgendwie empfand tom seine situation hier miteinemmal doof. also zahlte er und ging rüber ins voltaire, wo man um diese frühe zeit noch nicht anstehen mußte. man bekam dort einen stempel, der es einem auch noch später am abend erlaubte, ungehindert an den türstehern vorbei, aus- und einzugehen. die getränke bekam man hier nur gegen voltaire-chips und tom ärgerte sich, daß er sich welche kaufen mußte, obwohl zuhause in seinem kassenschrank bestimmt noch 30 stück davon rumlagen. dort lagen sie gut. er betrat den noch leeren tanzraum und genoß die laute metal-musik.


tom war im beobachtungsmodus. er beobachtete die leute, die hier im schuppen hausten. diese menschen, so alt wie ich, die meisten, 20-30. im jahre 2007. im jahre 1907 wird es auch so menschen gegeben haben, 20-30jährige, die sich irgendwie vergnügten, absinth schlürften oder bier tranken. im jahre 2107 wird es auch menschen geben, die irgendetwas berauschendes trinken werden. und diese menschen werden sich dann genausowichtig nehmen wie diese hier, wie ich mich wichtig nehme. sie werden denken, daß die welt ihnen gehört, und das wird sie auch. genauso wie dieser abend jetzt mir gehört, die musik, das gewirr, der rausch. uns gehört er, uns jungen menschen, die man vergessen haben wird im jahr 2507. dieses knutschende pärchen da zum beispiel. vielleicht wird was längeres draus. vielleicht hat ihre beziehung länger bestand, als nur diesen abend über. sie werden vielleicht zusammenleben, kinder zeugen, die wiederum kinderzeugen und so fort. im jahre 3007 werden die nachfahren dieser beiden jungen menschen nicht mehr wissen, daß ihre ururur-großeltern hier knutschend in der disco standen und ich sie dabei beobachtete und mir darüber gedanken machte. und da sind wir auch schon am punkt: was hat das leben für einen sinn, wenn in der zukunft alles vergessen, vergangen, verweht sein wird. wenn es einen sinn gibt, dann kann es ihn nur im augenblick geben. in einem ganz kurzen moment. denn alles andere ist geschichte oder traum. das sind so dinge, die kramer niemals raffen wird. sicher, er braucht gute autoren für seinen verlag, menschen, die über dinge schreiben, die andere menschen lesen wollen. träume, die für den moment des lesens echt werden, einen sinn erhalten, bevor sie wieder versinken im meer der zeit. etwas aus sich machen. wie lächerlich ist dieses vorhaben. wer nicht erkannt hat, daß er bereits etwas ist, teil von etwas, der wird nie fähig sein, etwas zu erschaffen. nicht sich selbst und nicht irgendeinen anderen teil der welt, in der wir alle leben. dieses mädchen und dieser junge dort in der schummrigen ecke, die sich küssen, halten, streicheln lieben. sie sind. mit oder ohne mein zuschauen. und deshalb erschaffen sie jetzt, in diesem augenblick etwas, herrgottnochmal, was für ein philosophischer scheiß!

Lampenfieber

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